Das RX-Versandverbot und seine unabsehbaren Folgen

Veröffentlicht: 12. April 2018 | 9:44 Uhr
Das RX-Versandverbot und seine unabsehbaren Folgen

Deutschland hat wieder eine Große Koalition und damit auch einen Koalitionsvertrag. In diesem Vertrag, auf den sich SPD und CDU/CSU geeinigt haben, steht auch etwas über das sogenannte RX-Versandverbot für Onlineapotheken. Die Politik hat es mit diesem Verbot vielleicht gut gemeint, aber eine Lawine der Empörung und der Kritik ausgelöst. Eigentlich möchte die Politik nur die Apotheker vor Ort schützen, denn wie bei vielen Dingen des alltäglichen Gebrauchs, so kaufen immer mehr Menschen ihre Medikamente im Internet. Mit einem Verbot für den Versand von verschreibungspflichtigen Medikamenten möchte die Politik den Apothekern den Rücken stärken, aber sie hat sich damit viel Ärger eingehandelt.

Was bedeutet RX?

Die beiden Buchstaben RX sind eine Abkürzung für das lateinische Wort Recipe, was so viel wie nehmen und nimmt bedeutet. Immer wenn von sogenannten RX-Präparaten die Rede ist, dann sind Medikamente gemeint, für die der Arzt ein Rezept ausstellen muss. Der Apotheker darf bestimmte Arzneimittel an seine Kunden nur dann verkaufen, wenn sie ein Rezept haben. Auf diese Weise wird der Missbrauch von Medikamenten verhindert. Zudem schützt das Rezept die Patienten, ein falsches Mittel oder zu viel eines bestimmten Medikaments einzunehmen. In den zahlreichen Onlineapotheken können die Kunden, wie in einer stationären Apotheke auch, freie und rezeptpflichtige Medikamente kaufen, aber damit könnte bald Schluss sein.

Der Kunde macht sich strafbar

Streng genommen macht sich jeder strafbar, der in einer Onlineapotheke einkauft, die ihren Sitz im Ausland hat. Deutschen ist es verboten, Arzneimittel und Medikamente aus dem Ausland nach Deutschland einzuführen. Die Onlineapotheke, wie beispielsweise die Apotheke Zur Rose (kommt aus der Schweiz), handelt dann illegal, wenn sie deutschen Kunden Medikamente verkauft. Nur wenigen Ländern wie Großbritannien und den Niederlanden ist es erlaubt, Medikamente, für die ein Rezept benötigt wird, nach Deutschland zu verschicken. Aber es gibt ein sehr großes Problem und schuld an diesem Problem ist der Europäische Gerichtshof. Er hat im letzten Jahr entschieden, dass die Preisbindung, wie es sie bei deutschen Apotheken gibt, für Onlineapotheken nicht gültig ist. Sie dürfen ihre Preise selbst festlegen und das könnte den Ruin für viele Apotheken vor Ort bedeuten. Schon heute ist gegenüber dem Jahr 2009 die Zahl der Standortapotheken in Deutschland deutlich gesunken und die Tendenz zeigt weiter nach unten.

Sind die Onlineapotheken schuld an der aktuellen Entwicklung?

Es ist einfach, den Onlineapotheken aus dem Ausland die alleinige Schuld am deutschen Apothekensterben zu geben. Zumindest für alle, die schon einmal auf der Seite von apotheke-preisvergleich.org nach einem Medikament gesucht haben, klingt das plausibel. Die Auswahl an Apotheken im Internet ist riesengroß und da ist schnell klar, dass die kleine Apotheke vor Ort hier keine Chancen mehr hat. Aber so einfach, wie es vielleicht klingt, ist es leider nicht, denn es gibt noch andere Aspekte, die beim Apothekensterben in Deutschland eine Rolle spielen. Vor allem in den ländlichen Regionen müssen viele Apotheker um ihre Existenz bangen, weil es kaum noch Landärzte gibt. Für einen Apotheker lohnt es sich nur dort zu arbeiten, wo es auch Ärzte gibt. Wenn der Arzt fehlt, kann auch der Apotheker nichts mehr verkaufen. Die Onlineapotheken sind eine gute Option, um auf dem Land die Lücken zu schließen.

Der Konflikt um den Versand

Der Konflikt um das RX-Versandverbot ist schon seit längerer Zeit ein Thema und immer wieder gescheitert. Aber ebenso schnell wie ein Versuch gescheitert ist, so schnell kam das Thema wieder auf den Tisch. Fest steht, dass es endlich eine Lösung geben muss, denn die Mehrzahl der Onlineapotheken ist nicht bereit, auf Dauer zuzulassen, dass die Kollegen aus dem Ausland unbegrenzt Preisnachlässe anbieten. Für die Apotheker ist das eine große Geduldsprobe und sie haben keine Lust mehr, immer und immer wieder über das Thema zu diskutieren, ob eine Preisbindung sinnvoll ist oder nicht. Ein Verbot ist allerdings keine Lösung, die in die heutige Zeit passt, denn dieses Verbot schürt eher die Angst vor der Zukunft. Einige Kritiker haben das RX-Versandverbot mit einem Berufsverbot verglichen.

Gefragt sind die Patienten

Wie stets bei wichtigen politischen Problemen und Entscheidungen, bleiben die Bürger außen vor. Das ist beim Thema RX-Versandverbot nicht anders und das, obwohl die Bürger und Verbraucher auch eine Meinung dazu haben. Auf der einen Seite wollen die meisten Verbraucher auf die günstigen Preise in der Onlineapotheke nicht mehr verzichten. Auf der anderen Seite machen sie sich aber auch große Sorgen, dass immer mehr Apotheken vor Ort ihre Pforten schließen müssen. Schwerkranke und ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind, wissen den Service der Onlineapotheken zu schätzen. Sie lassen sich ihre Medikamente einfach nach Hause schicken.

Für die Apotheken geht es um die Existenz

Kommt das RX-Versandverbot für Onlineapotheken, kann es viele Verlierer geben. Schon jetzt spüren die Apotheken im Internet, dass es für sie gefährlich wird. So mussten die Aktien der Onlineapotheke Zur Rose sowie der Shop Apotheke einen herben Kursverfall hinnehmen, als das RX-Versandverbot wieder auf den Tisch kam. Es sind rund 15 Prozent der frei verkäuflichen Medikamente, die die Verbraucher über das Internet ordern, nur zwei Prozent sind rezeptpflichtige Mittel. Aber genau dieser Markt ist für die Onlineapotheken sehr wichtig, denn hier liegt noch viel Potenzial. Sie haben viele Möglichkeiten, den Kunden interessante Boni und Preisnachlässe anzubieten und sie so für die Versandapotheke zu begeistern. Der Großen Koalition ist das natürlich gar nicht recht. Die Politik befürchtet den Verlust von Arbeitsplätzen und sorgt sich um die Gesundheitsversorgung im Allgemeinen. Vor allem die CDU/CSU will das Gesetz für das Verbot so schnell wie möglich unter Dach und Fach bringen, die SPD bremst jedoch immer wieder ab. Die Sozialdemokraten möchten kein generelles Verbot, sie sprechen sich vielmehr für einen „gedeckelten Boni“ aus.

Fazit

Es ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite die günstigen Medikamente aus der Onlineapotheke, auf der anderen Seite das persönliche Gespräch und die Beratung durch den Apotheker vor Ort. Die meisten Verbraucher möchten beides behalten, aber das ist wohl kaum möglich. Die Politik muss eine adäquate Lösung finden, um beiden Seiten gerecht zu werden, selbst wenn es schwerfällt. Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und die aktuelle Justizministerin Katharina Barley (SPD) sind jetzt gefordert, eine tragbare Lösung für alle Seiten zu finden.

Bild: @ depositphotos.com / kalinovsky

Ulrike Dietz

Über den Autor Ulrike Dietz

Ulrike Dietz ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt im Hochsauerland. Die Journalistin und Buchautorin schreibt Artikel zu vielen verschiedenen Themen und bezeichnet sich selbst als flexibel, aufgeschlossen und wissbegierig.