München (dts Nachrichtenagentur) – Der Soziologe Armin Nassehi sieht die Politik in der Coronakrise zwischen zwei widersprüchlichen Zielen gefangen. Der oft gehörte Satz, dass derzeit die Stunde der Exekutive sei, stimme, schreibt Nassehi in einem Gastbeitrag für "Zeit-Online". Allerdings befinde sich diese Exekutive "in einem Zielkonflikt zwischen der medizinischen und virologisch nach wie vor empfohlenen Notwendigkeit, auf ein sehr niedriges Infektionsgeschehen zu kommen, und den berechtigten ökonomischen und sozialen Sorgen bezüglich der Folgen des Lockdowns".

Die Warnungen von Virologen und Medizinern würden seit "Kurzem kaum mehr gehört, ja sogar verspottet" – ihnen entgegen stünden Wünsche der Bürger nach einem normalen Leben mit "Mobilität, Produktivität und konsumorientierter Langeweilebewirtschaftung", so der Soziologe. Er sehe die aktuelle Gesellschaftsordnung als Hindernis, "das Offensichtliche zu tun: den Lockdown oder wenigstens moderatere Lockerungen so lange auszuhalten, bis die Gefahr eines radikalen Wiederanstiegs der Infiziertenzahlen und einer daraus folgenden möglichen Überlastung des Gesundheitswesens als kontrollierbar gelten kann". Wissenschaftliche Ergebnisse legten nah, dass dies nicht mehr allzu lange dauern sollte. Doch die Eigendynamik der Gesellschaft "immunisiere sich" dagegen. Der Soziologe greift außerdem den Appell auf, mit dem sich unter anderem der Virologe Alexander Kekulé, der Philosoph Julian Nida-Rümelin und die Autorin Juli Zeh im "Spiegel" an die Öffentlichkeit gewandt hatten. Der Text enthalte "offenkundig problematische Prämissen über die Vergleichbarkeit der Folgen von Grippe und von Corona oder über die Definition und Kontrollierbarkeit von Risikogruppen". Man könne wissen, dass man aus falschen Prämissen keine richtigen Schlussfolgerungen ziehen könne. "But who cares? Man muss es nicht berücksichtigen, schwimmt man auf der Welle dessen, was ohnehin gerade gehört werden will", schreibt Nassehi.